Stadt und Kirchspiel Wolbeck
Die Chronik

Wolbecker Chronik für das Jahr 1914


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InfoDie bisherige Chronik basierte auf den erhaltenen Ausgaben der Zeitungen "Münstersche Zeitung" und "Westfälischer Merkur". Hier kommt jetzt der "Münsterischer Anzeiger" hinzu, der vollständig erhalten ist.
Mo 09.03.1914Am Morgen vernimmt Förster Geißmann Schüsse aus dem Jagdgebiet des Gutsbesitzes Bischof und stellt als vermeintliche Wilderer zwei Knechte, die in der Nähe der Stelle arbeiten. Die beiden Personen bestreiten die Vorwürfe und können mangels Beweise auch nicht überführt werden. Am Nachmittag erscheint Gendarmeriewachtmeister Ratz mit seinem Polizeihund, der Witterung aufnimmt und die Personen zu einem Laubhügel führt, unter dem man ein Gewehr und unter einem Bündel Reisig ein erlegtes Kaninchen findet, worauf die beiden Knechte ein Geständnis ablegen. Gewehr und Kaninchen werden beschlagnahmt.
So 26.04.1914Unter großer Beteiligung und in Anwesenheit von Amtmann Middeler und Pfarrer Alfers findet im Gasthof Lasthaus eine Versammlung des Volksvereins für das katholische Deutschland unter der Leitung von Sanitätsrat Dr. Lackmann statt. Als Redner spricht Generalsekretär Brand über das Bild der Zentrumspartei und die Notwendigkeit einer politischen Organisation auch auf dem Lande.
Mi 13.05.1914Der Wiesenwurm (Schnake) macht sich auch in diesem Jahr wieder im Münsterland breit und zerstört die Hoffnungen der Landwirte, die sich angesichts der günstigen Witterung von dem üppigen Graswuchs einiges versprochen hatten. Stellenweise ist man dazu übergegangen, den Staren in den angrenzenden Hecken Nistkästen zu bauen, damit sie die Insekten vertilgen. Gute Erfahrung hat man zudem mit dem Einsatz von Enten gemacht.
Fr 12.06.1914Angesichts der im Münsterland grassierenden Maul- und Klauenseuche beschränkt der Landwirtschaftliche Lokalverein Wolbeck die kommende Tierschau auf Pferde.
Sa 13.06.1914In der Gastwirtschaft der Witwe Thier findet die konstituierende Sitzung der Laerheide-Genossenschaft zur Entwässerung in den Gemeinden Kirchspiel Wolbeck und Sankt Mauritz statt. Unter Vorsitz des Landrats Graf von Westfalen werden einstimmig gewählt: Zum Genossenschaftsvorsteher der Amtmann Middeler aus Wolbeck und zu seinem Stellvertreter der Gutsbesitzer Möllenbeck aus dem Kirchspiel Wolbeck.
Mi 17.06.1914Auf der Ausstellung in Minden erhält der Gutsbesitzer Ewald Bischoff für seine Geweihsammlung die Goldmedaille.
So 21.06.1914Die Angewohnheit der Kinder, sich auf die Deichsel zweier aneinander gekoppelter Wagen zu setzen, führt in der Stadt zu einem Unfall. Der Sohn des Arbeiters Sch. fällt von der Deichsel eines schwerbeladenen Heuwagens und gerät mit dem linken Fuß unter die Räder. Sein Holzschuh vermindert den Druck des Wagens und damit eine schwerere Verletzung. In der nahe gelegenen Apotheke wird dem Jungen wegen einer Fußquetschung ein Notverband angelegt.
Mi 01.07.1914Der Landwirtschaftliche Lokalverein Wolbeck hält bei bestem Sommerwetter sein Tierschaufest in Alverskirchen auf der Weide der Witwe Grause ab. Es spielt die Schmeddingsche Kapelle aus Wolbeck.
Es werden rund sechzig Pferde vorgeführt mit dem folgenden Ergebnis aus Wolbecker Sicht:
Stuten mit Fohlen, Warmblut: 1. Clemens Bröcker, 2. Möllenbeck, 3. Ewald Bischoff-Frohnhoff
Stuten mit Fohlen, Kaltblut: 1. Ewald Bischoff-Frohnhoff
Dreijährige Fohlen: 1. Ewald Bischoff-Frohnhoff
Zweijährige Fohlen: 1. Ewald Bischoff-Frohnhoff
Einjährige Fohlen: 2. Ewald Bischoff-Frohnhoff
Do 16.07.1914Die große Hitze der letzten Tage mit Temperaturen zwischen 38 und 42 Grad geht um 15 Uhr mit einem schweren Gewitter zu Ende.
So 19.07.1914In Wolbeck wird heute und morgen das Margarethenfest gefeiert. Wegen des erwartet starken Andrangs wird ein Sonderzug eingesetzt, der um 23:30 Uhr in Wolbeck abfährt und um 23:47 Uhr in Münster ankommt.
Mo 20.07.1914In der Vorwoche hat die Roggenernte begonnen. Bedingt durch extrem heißes Sommerwetter hatte innerhalb weniger Tage die Reife eingesetzt.
Mo 20.07.1914Der Viehmarkt in Wolbeck wird wegen der Maul- und Klauenseuche abgesagt.
Di 28.07.1914Mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien beginnt der Erste Weltkrieg.
So 02.08.1914Der "Münsterische Anzeiger" veröffentlicht den Artikel "Durchs kriegsbereite Münsterland!" und schreibt: "Ein ernster Sonntag - dieser erste des Erntemonats 1914 - und eine ernste Fahrt! Die ganze schöne Gotteswelt schimmert im Gold der reifenden Felder. Schon ist der Roggen abgemäht und steht wie stolze Kriegskolonnen breit in Schwaden. Der Weizen beugt sich unter dem Vollgewicht der überschweren Ähren. All die andern Erdgewächse unserer reichgesegneten münsterländischen Fluren wetteifern mit den Halmen - es ist eine Ernte reich und herzerfreuend, als wolle die Natur den wackeren Hütern unserer heimatlichen Scholle die Fahrt in Feindesland recht froh und zuversichtlich, wolle ihnen den Abschied leichter machen für das große, heilige Werk des Vaterlandes.
Noch drängen sich in den Eisenbahnen die Taschen und Koffer der letzten Nachzügler aus den Sommerfrischen. Aber in der Nähe der Kreisstädte mehren sich die frischen, hellen Gesichter der Einberufenen von Haltestelle zu Haltestelle. Am lebhaftesten ist das Treiben an den Durchgangspunkten der großen Verkehrsstrecken. Von allen Seiten strömen die jungen und die älteren Krieger zusammen. Frohes Begrüßen - frohes Abschiednehmen, und in alle Winde stiebt die ungeheure Menge ihrer ungewissen, dunklen Zukunft hochgemut entgegen. Es ist eine Freude, zu sehen, wie ruhig und gefaßt, wie ohne allen übermütig aufgebauschten Überschwang unsere Soldaten in den Krieg ziehen; ganz im Gegensatz zu den Reservisten unserer belgischen Nachbarn, von denen heimkehrende Badereisende zu erzählen wissen. daß diese ihrer gedrückten Stimmung, ihrer Furcht und Ungewißheit ob der drohenden Kriegsgefahr und Teurung in greller Lustigkeit Luft machen.
Wie die Krieger, sind auch deren Angehörigen auf den Bahnhöfen ruhig und gefaßt. Da stehen sie mit ihren Paketchen Liebesgaben und warten wehmütig, bis ein Zug von daher und dorther den Sohn und Bruder auf der Durchfahrt für eine kurze Frist zurückbringt. Aber wenn der Junge dann vor ihnen steht, mit blitzenden Augen, den Hut keck aus der Stirn gerückt, dann geht auch den Alten das Herz wieder froh und hoch. Ein altes Mütterchen aber ruft dem Benjamin zum Abschied noch in den abfahrenden Zug hinein mit heller Stimme nach: "So, Bännatz, un nu segg't ähr män es üörndlickan den Bast!"
Zu Dutzenden spielten diese und ähnlich Szenen sich ab, wo immer man auf einer Haltestelle sich umsah. Herzerhebend aber war die Rückfahrt von Wolbeck nach Münster am Nachmittag: Alle Züge dicht besetzt mit ehemaligen Dreizehnern und münsterischen Kanonieren. Vor den Bahnsteigsperren Kopf an Kopf die Abschiednehmenden. Der Zug setzt an. Irgendeine Stimme aus dem Abteil beginnt zu singen. Auf dem Bahnsteig lautes Hurrahrufen und Tücherschwingen. Dann fällt auch die zurückbleibende Menge wie ein feierlicher Chor mit ein. Weiter und weiter geht das Lied zurück, bis endlich das Rattern der Räder das tröstliche "Lieb Vaterland, magst ruhig sein" Ton und Ton überlärmt. Und auf der nächsten Station wieder ein anderes Bild: ein junge Frau in Trauer gibt dem von der Erntearbeit braungebrannten Gatten das Geleit. Mitten in dem hellen Gedränge der Sonntagsblusen sticht ihr schwarzes Leidgewand doppelt ab. Haben die beiden das erste Unterpfand ihrer Liebe vor Tagen oder Wochen erst empfangen und schon so bald dem Himmel zurückgeben müssen? Wer mag es wissen oder sagen! Und wenn jetzt der grimme Würger Tod wirklich über das Schlachtfeld schreitet und vielleicht auch über dem Haupte deines Mannes seine scharfe Sichelsense schwingt, dann tröste Gotte dich, arme, junge Frau!
Doch schon wieder hält der Zug. Wir sind der Heimatgarnison schon auf Stundenweite nahe. Hier weiß man den Kriegssöhnen den Abschied besonders festlich und leicht zu machen. Das ganze Dorf ist mit ihnen hinausgezogen zum Bahnhof. Ziehharmonika und dicke Trommel sind auch dabei, und zuversichtlich wiegt die liebe alte Volksweise durch den friedlichen, leuchtenden Sonntagnachmittag: "Muß i denn, muß i denn zum Städtel hinaus.." Dann ein Tusch, ein lautes Hurrah, in das auch die Bahnbeamten und alle Insassen des Zuges miteinstimmen... da ist die schöne alte Westfalenstadt erreicht, wo schon die Feldgrauen des heißersehnten Zuwachses warten!"
Mo 03.08.1914Zu Beförderung der Einberufenen setzt die WLE einen Sonderzug ein, der um 10:06 Uhr aus Wolbeck in Richtung Münster abfährt.
Di 11.08.1914Bei Kinnebrock kommt es am Montagabend zu einem Streit zwischen einem Lumpensammler aus Wolbeck und einem in der Gastwirtschaft einquartierten Soldaten. Als der Lumpensammler die Militärperson mit einem Revolver zu erschießen droht, zieht dieser seinen Säbel und schlägt den Angreifer nieder, der kurz darauf an seinen Verletzungen stirbt.
Do 13.08.1914Auf der von Amtmann Middeler abgehaltenen Versammlung wird die Einrichtung einer Sammelstelle des Roten Kreuzes beschlossen. Freiwillige Gaben, Geld und Nahrungsmittel sind abzugeben bei Dr. Franz Lackmann.
Mi 02.09.1914Vor der Strafkammer Münster hat sich heute der Knecht G. wegen schwerer Urkundenfälschung zu verantworten. Er wurde am 6. Mai des Jahres von dem Landwirt F. aufs Feld geschickt. Unterwegs traf er zwei Unbekannte, die ihn verleitet haben sollen, einen Brief an einen Kaufmann zu schreiben, der so abgefasst wurde, als hätte der Landwirt selbst ihn geschrieben. Der Brief enthielt die Aufforderung an H., dem Überbringer 150 Mark zu geben, die F. in einigen Tagen zurückzahlen wollte. Der Angeklagte ging mit diesem Schreiben nach H., der ihm auch das Geld aushändigte, worauf der Angeklagte mit den beiden Unbekannten nach Belgien flüchtete. In der Nacht wurde ihm von seinen Begleitern der größte Teil des Geldes gestohlen. In Lüttich bekam er einen seinen Brief von seinem Vater, der ihn zur Rückkehr nach Deutschland veranlasste, wo er sich der Polizei stellte. Das Gericht erkennt gegen den Angeklagten auf eine Gefängnisstrafe von vier Monaten.
Sa 05.09.1914In Münster findet eine Sitzung des Kreistages statt. Tagesordnungspunkte sind Fragen der Mobilmachung, Beschaffung von Baracken beim Ausbruch von Epidemien, sowie die Verwendung der Überschüsse der Sparkasse aus dem Jahre 1913.
So 27.09.1914Die Freiwillige Feuerwehr Wolbeck nimmt am Feuerwehrverbandstag des Kreises Münster teil, der im Gasthof Küpper-Fechtrup abgehalten wird.
Sa 10.10.1914Wegen heldenhaften Verhaltens bei einem Vorpostengefecht erhält der Unteroffizier der Reserve August Edelkötter als erster Wolbecker das Eiserne Kreuz.
Sa 10.10.1914Die seit August beim Kaufmann Notarp gesammelten Kriegsliebesgaben werden heute in 150 Pakete verpackt und mit den beiden Autos des Gutsbesitzers Rittmeister Bischof und Dr. Franz Lackmann nach Münster gefahren.
Der Westfälische Merkur bringt die folgende ausführliche Meldung: "Die beim Ausbruch des völkermordenden Krieges unter dem Vorsitz des Amtmanns Middeler errichtete Sammelstelle Wolbeck hat bereits reiche Früchte getragen. Nach dem Vorschlage des Herrn Amtmanns Middeler wurde von einer allgemeinen Sammlung innerhalb der Gemeinden Abstand genommen. Nur eine Kirchenkollekte sowie eine Sammlung in der jüdischen Synagogengemeinde wurden abgehalten. Die Gemeinden Stadt und Kirchspiel Wolbeck sowie Angelmodde legten zunächst durch eine Spende neben einer namhaften Summe, welche zum Besten des Roten Kreuzes, Sammelstelle Münster-Land, gezeichnet wurde, den Grundstock zu dem schönen Liebeswerk. Früchte aller Art, Milch, Eier, Fleischwaren, Gemüse usw. wurden dankbar angenommen und durch das Komitee des Ortsvereins Münster der Kriegsküche Münster bezw. Sammelstelle des Roten Kreuzes überwiesen."
Finanzielle Spenden werden wie folgt geleistet: Kriegerverein 1000 Mark, Gesellschaft Erholung 100 Mark, MGV "Eintracht" 50 Mark, St.-Nikolai-Bruderschaft 150 Mark. Die Sammlungen der St.-Achatii-Bruderschaft (in der Zeitungsmeldung als "Agatia-Bruderschaft" bezeichnet) und der Marianischen Kongregation sind zum Zeitpunkt des Berichtes noch nicht abgeschlossen.
Mi 21.10.1914Der Referendar Arthur Grote, Sohn des ehemaligen Halterner Bürgermeisters, Leutnant der Reserve und Kompagnieführer im Infanterie-Regiment 155 erhält an der Westfront durch sein tapferes Verhalten vor dem Feinde das Eiserne Kreuz 2. Klasse.
Mo 26.10.1914Der Oberbürgermeister Timm aus Königsberg bedankt sich beim Amtmann Middeler für die Spende von 550 Mark für die Kriegsnotleidenden.
Di 27.10.1914Die Witwe Edelkötter erhält Nachricht von ihren drei Söhnen, die in den Krieg gezogen sind: Ein Sohn ist gefallen, die beiden anderen erhielten das Eiserne Kreuz, einer der beiden zudem die Beförderung zum Feldwebelleutnant.
Di 27.10.1914Simon Hoffmann stirbt nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren. Er war dreißig Jahre lang Vorsteher der Synagogengemeinde zu Wolbeck.
Do 29.10.1914Der Oberjäger Fritz Dinter, Sohn des Königlichen Hegemeisters Dinter, wird wegen tapferen Verhaltens vor dem Feinde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.
Fr 06.11.1914Die Gemeindevertretung der Stadt Wolbeck beschließt einstimmig, alle im Felde befindlichen Krieger und die noch in Zukunft ausrückenden bei der Landesversicherungsanstalt Westfalen zu versichern.
Sa 14.11.1914Der Assistenzart Dr. med. August Middeler, Sohn des Amtmanns Middeler, erhält das Eiserne Kreuz 2. Klasse.
So 15.11.1914Nach mehreren Nächten mit strengem Frost fällt heute der erste Schnee.
Mi 02.12.1914Der Oberleutnant Schumacher der Etappen-Fuhrpark-Kolonne 124 bedankt sich beim Amtmann Middeler für die Einquartierung am Tage des Ausmarsches.
So 06.12.1914Der Landwirtschaftliche Lokalverein des Amtes Wolbeck hält unter der Leitung des Gutsbesitzers Schenking aus Hiltrup bei Sültemeyer eine gut besuchte Versammlung ab. Der Direktor der Landwirtschaftsschule in Münster, Tillmann, hält einen Vortrag über die Winterfütterung der Haustiere unter besonderer Berücksichtigung der kriegsbedingten Verhältnisse.
Im weiteren Verlauf der Sitzung empfiehlt der Vorsitzende, die Kriegsgefangenen vorrangig für der Kultivierung des Heidelandes heranzuziehen.
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